Portrait

      Vom Jemen in die Jenaer Arena
      Die Macher der Lichtbildarena: Barbara Vetter und Vincent Heiland

      Der Auszug: Eine Studentin, ein Student, zwei Urlaubssemester, 380 Tage auf dem Rad, 14 Länder durchquert, mit einer Fahrradtasche voller Filme, Gewicht: acht Kilogramm. Die Heimkehr: eine orientalische Katze, pralles Reisetagebuch, 7.200 Dias, ein Dia-Vortrag, ausverkaufter Saal beim größten deutschen Diafestival, Organisation des ersten Jenaer Dia-Vortragsfestivals: der Lichtbildarena Jena. Am 2./3. November liefen 13 Gast-Vorträge, die sich zu insgesamt zwölfeinhalb Stunden ansprechenden Lichtbildgenuss addierten.
      Fernweh heißt die Krankheit, an der die 29-jährige Lehramtsstudentin Barbara Vetter und ihr 31-jähriger Partner und Kommilitone Vincent Heiland lustvoll leiden. Sie, aufgewachsen in einem kleinen Dorf bei Augsburg, infizierte sich mit dem Fernweh-Virus während einer zehnmonatigen Asien-Reise, die sie nach ihrem Abitur nach China, Tibet und Indonesien führte. Bei Vincent Heiland war es das Faible für Naturfotographie, das ihn mit dem Faltboot nach Finnland und ins Donau-Delta verschlug. Sicherlich trieb den gebürtigen Weimarer auch der Nachwende-Nachholbedarf ins ehemals Unerreichbare. 1995 nahm Barbara Vetter ihr Biologie- und Geographiestudium an der Universität Jena auf. Vincent Heiland, der nach seiner Tischlerlehre am Weimarer Nationaltheater in der Abendschule sein Abitur nachholte, studiert diese Fachkombination ebenfalls seit 1995.
      An der Alma Mater lernten sie sich kennen und radelten sich bei gemeinsamen kürzeren Touren langsam aneinander heran. Irgendwann beschlossen sie, ihrer Leidenschaft nachzugeben und gemeinsam die Reiselust zu befriedigen. Nach den Zwischenprüfungen beantragten sie zwei Urlaubssemester. Es ging in den Jemen, das Chicago des Orients, wie sie nach ihren Erlebnissen dort das kleine Land tauften. „Das Fahrrad sollte unser Hauptfortbewegungsmittel sein" sagt Vincent. „So spürt man die fremde Kultur direkt auf der Haut" ergänzt Barbara. „Nur im Notfall wollten wir auf Bahn oder Fähre umsteigen, Flugzeug war eigentlich nicht vorgesehen" erklärt Vincent. Ganz durchhalten ließ sich das nicht, denn Saudi Arabien erteilte kein Visum und ein Schiff war nicht zu bekommen. Also doch einfliegen in den Jemen. 
      „Nach 212 Tagen tauchten in einer Sandwolke die ältesten Hochhäuser der Welt vor uns auf" notierten die Jemen-Radler im Reisetagebuch. „Sieben Stockwerke, aus Lehm und Stroh erbaut, überdauern die Architekturkleinode der Jemeniten bereits 500 Jahre", begeistert sich Barbara. Doch nicht nur die Architektur, auch das Volk selbst ist faszinierend. „Die Frauen sind bis auf einen schmalen Augenschlitz verschleiert" berichtet Vincent „und die Männer tragen noch ihre Krummdolche". Barbaras Einstellung zur Verschleierung hat sich seit dem Jemen-Besuch sehr gewandelt. „Ich wurde von einigen Frauen regelrecht bedauert, dass ich unverschleiert war, das war für die unbegreiflich." Viele von ihnen hätten nach der Wiedervereinigung des ehemals kommunistischen Südjemen mit dem Nordjemen erleichtert wieder nach dem Schleier gegriffen. Aber nicht nur mit den Menschen selbst, sondern auch mit den jeweiligen Behörden hatten die „beiden Verrückten" öfter zu tun. Da war zum Beispiel die Geschichte mit den Flechten. Für die jeweilige biologische Abschlussarbeit hatten die Studierenden alle 200 km Proben gesammelt. Leider büßten sie einen Teil der Sammlung auf dem Rückweg durch die Türkei ein. Eine Militärstreife hielt die beiden, mit dem Kompass Hantierenden für Spione und beschlagnahmte das „biologische Beweismaterial". Als kleine Rache entführten die beiden einen zwei Monate alten türkischen Kater, den sie Sultan tauften.

      Voller Geschichten und Dias
      Von diesen und anderen Anekdoten und Abenteuern sind Barbara und Vincent so übervoll, wie die Regale in denen sie ihre Dias aufbewahren. Mit ihnen beginnt das dritte Leben der Studierenden - als Noch-Amateur-Reise- journalisten und Diavortragende. „Erst veranstalteten wir im Freundeskreis die Vortragsabende" erzählt Barbara. Dann wuchs die Fangemeinde. Durch Zufall wurde der Tibetexperte Dieter Glogowski auf sie aufmerksam und lud sie zur „Weitsicht" nach Frankfurt. Das Cannes unter den Diavortragsfestivals. Die als Newcomer angekündigten Jemen-Radler hielten dort ihren Vortrag vor 800 Zuschauern und wurden in die Clique der Abenteurer, Reisefreaks und Fernwehverursacher aufgenommen.
      Durch diesen Erfolg angestachelt und beflügelt durch die qualitativ hochwertigen Präsentationen der neu gewonnenen Kollegen, beschlossen die hausgemachten Reisejournalisten, Jena zu einem eigenen Festival zu verhelfen. Nach einjähriger Vorbereitungszeit nahm ihre Kopfgeburt „Lichtbildarena Jena" Anfang November auf dem Uni-Campus konkrete Form an. Den Großteil der Kosten schössen Barbara Vetter und Vincent Heiland aus eigener Tasche vor. Unterstützung erhielten sie vom Kulturamt der Stadt und von Bürgermeister Christoph Schwind. Uni-Rektor Prof. Dr. Karl-Ulrich Meyn gewannen sie durch ihr reges Engagement als Schirmherren. Die sechs professionellen Länder-Vorträge wurden daraufhin begleitet von vertiefenden populärwissenschaftlichen Beiträgen von Jenaer Wissenschaftlern.
      Und da sie beide um das Problem des Einstiegs in das Metier wissen, boten sie auch zukünftigen Vetters und Heilands im „Nachwuchswettbewerb der Kurzvorträge" eine Plattform. Die Originale werden demnächst wieder zur Vortragsreise aufbrechen. Das Studium liegt bis mindestens nächstes Frühjahr brach. Aber mit ihrem Werdegang halten es die beiden wie mit ihren Reisen. „Planung ist gut, aber man muss der Situation entsprechend die Marschrichtung ändern, um ans Ziel zu kommen" sagen beide. Ist das Leben das Ziel?

      Text: Stefanie Hahn
      (erschienen im Uni-Journal 11/2002)